Januar 2018Ruanda

Wir fahren mit unseren Fahrrädern auf roten Lateritböden entlang von alttestamentarischen Lehmhütten mit Rindern und Ziegen. Es gibt überall Menschen, vor allem Kinder. Aus den Klassenzimmern ertönen afrikanische Lieder. Sobald die Schwarzen uns sehen rufen sie aufgeregt "Mzungu" - so werden die Europäer bezeichnet. Bei jeder Steigung laufen Kinder neben uns her. Wir können uns kaum im Schatten ausruhen. Es kommen von allen Richtungen Menschen auf uns zu und starren uns an. Wir fahren weiter, es ist wie auf der Flucht. Wir haben aber nie das Gefühl, dass die Situation gefährlich werden könnten. Wir fühlen uns sehr sicher.

Das Leben der Landbevölkerung ist sehr hart. Es wird alles in Handarbeit bewirtschaftet. Morgens gibt es nur einen Tee mit Zucker. Und es gibt nur eine Mahlzeit pro Tag. Wir haben zwei Belgier getroffen, die als Pfadfinder das Leben mit der einheimischen Bevölkerung geteilt haben, um eine Schule aufzubauen. Die beiden haben in drei Wochen 8 kg abgenommen.

Wir treffen eine Gruppe von Kindern. Ein Ruandese fragt sie nach ihrem Leben und übersetzt für uns. Es war bereits Nachmittag und die Kinder hatten den ganzen Tag nichts gegessen. Einige Kinder haben einen aufgeblähten Bauch, hervorgerufen durch Eiweißmangel. Sie standen in Lumpen vor uns, die Gesichter leer. Ich habe kein Foto gemacht. Etwas später spricht mich ein Jugendlicher auf Englisch an. Er wolle wissen, was wir machen und wie wir leben. Er kam zusammen mit seinen Brüdern von den Teeplantagen. Jeden Morgen gehen sie los in der Hoffnung Arbeit zu finden. Ihr Verdienst beträgt 70 Ct pro Tag. Die Feldarbeiter erhalten nur 1 % vom Endkundenpreis in Europa

Ein Belgischer Arzt, der in den 1970er Jahren in Muhanga als Entwicklungshelfer gearbeitet hat, erzählt uns folgende Geschichte: Er hat den Menschen Obstbäume geschenkt. Die Leute haben die Obstbäume aber nicht gepflegt und bewässert, so dass die Bäume schnell wieder eingegangen sind. Später wurden Obstbäume aus seinem eigenen Garten gestohlen. Diese Obstbäume haben die Leute liebevoll gepflegt und bewässert, so dass sie in den folgenden Jahren viele Früchte getragen haben. Der Arzt meint, die Entwicklungshilfe sollte nicht fertige Lösungen und Produkte liefern. Die Afrikaner müssen sich selbst entwickeln und wenn die Eigeninitiative auch Diebstahl bedeute. Es wäre viel motivierender eigene kreative Ideen zu entwickeln, als vorgeschrieben zu bekommen, was zu tun ist.

Eines Morgens kam ein Ruandese aufgeregt auf mich zu. Er hat mein Fahrrad gesehen und war tief beeindruckt von den vielen Details. Er heißt Kalinda und erzählte mir, dass er selbst ein Lastenrad mit Elektroantrieb gebaut hätte. Die Zukunft Afrikas läge in dreirädigen Lastenrädern mit Elektroantrieb. Ich entgegnete, dass mir gerade einen Tag zuvor eine Professorin für Entrepreneurship aus Namibia sagte, wer in Afrika Fahrrad fahre, wäre ein Verlierer. Alle Afrikaner wollen das Auto. Als ersten Schritt müssten wir die Denkweise der Afrikaner ändern. Kalinda hielt daraufhin einen Vortrag über die moderne Mobilität. Er ist mit seinen Ideen vielen Europäern weit voraus. Anschließend erzählte er mir, wie er während des Genozid in den 1990er Jahren mit seinen Eltern in den Kongo flüchtete, einige Zeit in Deutschland lebte und dort vergeblich auf die Genehmigung seines Asylantrages wartete, dann mit dem Reisepass eines Freundes illegal nach Kanada reiste und schließlich wieder in Ruanda landete, weil hier das Leben doch am schönsten wäre. Er ist Ingenieur und spricht fließend mehrere Sprachen. Er hat mich fasziniert. Wir werden ihn in Kigali vor unserem Rückflug besuchen. Ich muss sein Lastenrad kennenlernen.

Es beginnt zu regnen und der Lehmboden wird rutschig. Wir finden Schutz unter einem Vordach irgendwo auf dem Land. Die Dorfbewohner freuen sich, dass wir da sind. Einige Männer haben offensichtlich etwas zu viel von dem Bananen-Schnaps getrunken. Eine Frau stellt ihre Sitzbank raus und bietet uns einen Platz an. Ihre kleine Tochter setzt sich neben mich. Das Mädchen leidet unter dem Proteinmangel wie viele Kinder in dem Dorf. Wir sehen es an dem ungewöhnlich dicken Bauch. Das kleine Mädchen zupft an meinem Pullover und zeigt die Flusen ihrer Mutter. Dann legt sie ihren Kopf auf meinem Arm und schläft ein. Ich fühle mich hilflos. Ich weiß, dass ich diesem Kind nicht helfen kann. Die Mutter bittet nicht um Geld, sondern lächelt mich nur an. Wir können uns nur mit Gesten verständigen. Irgendwann werde ich wieder aufstehen und die Familie wird ihr Leben leben, so gut es geht. Solange sitzen wir zusammen auf der Bank und warten bis es aufhört zu regnen.

Einige Frauen tragen selbstgemachte Kleider mit wunderschönen Mustern. Aber die meisten Dorfbewohner tragen alte und zerschlissene Kleider, die ganz offensichtlich von europäischen Kleidersammlungen stammen, vielleicht aus Spanien oder Frankreich, denn ein Junge trägt stolz eine Baskenmütze. Es ist schade, dass wir den Afrikaner das Gefühl vermitteln, dass sie es ohne unserer Hilfe nicht schaffen.

Genozid

Im Jahr 1996 gab es den Genozid. Es gab nicht nur das staatlich verordnete Morden durch das Militär, sondern vor allem auch unter der Bevölkerung zwischen Nachbarn und sogar zwischen Freunden. Das Kigali Genocide Memorial Centre dokumentiert wie ein 6 Jähriger Junge seinen Spielkameraden mit einer Machete umbringt.

Wir sind beeindruckt wie friedlich die Menschen Heute zusammenleben. Aber die Traumata gären unter der Oberfläche. Viele erzählen uns ihre ganz persönliche Geschichte wie beispielsweise Jan, der Heute 26 Jahre alt ist:

Jan ist Tutsi und lebte mit seiner Familie in Butare. Er ist auf einem der unteren Fotos zu sehen wie er neben dem Feuer steht und die Arme nach oben streckt. Sein Vater ist Niederländer, seine Mutter Ruandesin. Während der ersten Tagen des Genozids wurde Butare noch verschont. Der Bürgermeister war ein Tutsi. Erst nach einer Woche ist die Familie nach Burundi geflohen. Nur einen Tag später kamen Hutus aus Kigali mit dem Flugzeug und begannen auch in Butare zu morden. Der Bürgermeister wurde als erster umgebracht. Es wurden Straßensperren aus brennenden Autoreifen aufgebaut. Eine Flucht mit dem Auto war jetzt nicht mehr möglich. Jeder Autofahrer wurde kontrolliert und Tutsi wurden sofort umgebracht. Jan war auf der Flucht 4 Jahre alt und hat den Genozid ganz knapp überlebt.

Die kleine Bruder seiner Mutter war zu der Zeit 6 Jahre alt. Es war in seiner Schulklasse als die Mörder kamen. Seine Mutter hatte ihm beigebracht in diesem Fall zu sagen, dass er wisse, wo sich das Waffenlager befinde. So wurde er zunächst verschont, musste aber beobachten wie seine Klassenkameraden mit einer Machte ermordet wurden. Er zeigte den Hutus den Weg zu dem vermeintlichen Waffenlager. Es gab dort keine Waffen. Die Mörder haben ihn daraufhin erschlagen. Aber er war nur bewusstlos. Kurze Zeit später hat seine zwei Jahre ältere Schwester ihn gefunden. Er ist langsam aus seiner Bewusstlosigkeit aufgewacht. Die beiden sind alleine geflohen. Sie haben sich außerhalb der Siedlungen versteckt, Bananen gegessen und Wasser aus Pfützen getrunken. Sie wurden schwer krank und haben sich weiter durchgekämpft. Hutus haben sie gefunden und sämtliche Kleider gestohlen, aber noch am Leben gelassen. Völlig nackt sind sie weiter egzogen. Überall lagen Leichen herum. Sie haben von den Toten die Kleider genommen. Zwischendurch haben Hutus die beiden Kinder für ein paar Tage aufgenommen und dabei ihr Leben riskiert. Erst als die Befreiungstruppen nach 100 Tagen die beiden Kinder erreicht haben, waren sie gerettet.

Tour

Google Maps:
www.google.com/maps/d/viewer


TagStreckekmHöhenmeter
1Kigali – Muhanga541.274
2Muhanga – Nyanza44648
3Nyanza – Nyamagabe31863
4Nyamagabe – Kitabi301.360
5Kitabi – Uwinka361.752
6Uwinka – Rusizi591.250
7Rusizi – Ishara521.405
8Ishara – Kivu Lodge502.109
9Kivu Lodge – Kibuye Rwiza401.436
10Kibuye Rwiza – Bumba Base Camp561.802
11Bumba Base Camp – Ruschel30731
12Ruschel – Gisenyi591.451
13Gisenyi – Musanze611.154
14Musanze – Ngororero521.343
15Ngororero – Muhanga511.089
16Muhanga – Kigali56953
 Summe75020.620

Infos

Fahrrad: GEOS Gravel, ohne Motor, mit Rohloff-Schaltung

Navigation: Locus Pro. Basiert auf Open Street Maps, die zugleich die besten Karten in Ruanda sind. Es reicht, sich das nächste Hotel auszusuchen und den Weg dahin berechnen zu lassen. Es werden fast immer ein schöne Wege ermittelt, einschließlich Singletrails abseits der großen Wege.

Tourenvorschläge, Kaspar Kundert:
esri-rw.maps.arcgis.com/apps/MapJournal/index.html

Geführte Touren, Michael Frank:
www.afrika-erleben.de/fahrradtour-in-den-bergen-von-ruanda/