Juli 2014Kanutour Peru

Das erste Fotos ist von 1988 und zeigt Holger, wie er auf einem selbst gebauten Balsaholz-Floß den Rio Urubamba herunter paddelt. Seit dieser Zeit haben wir unsere Kanutour von Quillabamba nach Atalya geplant.

Stromschnellen

Wir haben zwischen Quillabamba und Ivochote zahlreiche Stromschnellen im dritten Schwierigkeitsgrad passiert. Holger saß hinten und hat mit all seine Erfahrung das Kanu gesteuert und stabil gehalten, während ich vorne nur geradeaus gepaddelt habe. Ich hatte den Eindruck, dass das Boot sicher im Wasser liegt, während bei Holger der Adrenalin-Spiegel jedes mal steil nach oben ging. Wir sind tatsächlich nie gekentert, aber immer wieder komplett nass geworden.

Unterhalb vom Pongo de Mainique sind die einzige Verkehrsmittel die schmalen langen Boote, mit denen die Stromschnellen sicher passiert werden können. Daneben gibt es Einbäume mit einem kleinen Außenborder. Unser Expeditionsboot löst bei den Einheimischen immer großes Interesse und Bewunderung aus. Wir fühlen uns nicht als Fremdkörper, sondern als Teil des Menschen vor Ort.

Ich war noch nie so weit weg

Die Kaffedose ist nach sechs Tagen vom feuchten Klima stark angerostet. Der Laptop funktioniert nicht mehr. Den Rasierer habe ich verloren und die Batterien von der Stirnlampe sind leer. So nach und nach leben wir hier wie die Matsiguenkas.

Egal was man tut, es fühlt sich immer sinnvoll an

Mittags liegen wir im Schatten und beobachten den Fluss, hören die Vögel und fühlen die kühlende Luft, die vom Rio Urubamba hoch weht. Abends kochen wir über dem Feuer Kartoffeln, braten Zwiebeln mit etwas Butter an, schneiden Tomaten dazu und dünsten Fische, die uns vorbeikommende Fischer geschenkt haben. Alles schmeckt hier intensiver, was aber auch daran liegen kann, dass wir den extremen Verhältnissen des Dschungels ausgeliefert sind, die alle Sinneseindrücke verstärken.

Nach dem Abendessen liegen wir auf dem Rücken und blicken in einen gigantischen Sternenhimmel. Holger erklärt mir als Physiker die intergalaktischen Zusammenhänge und ich frage mich, wie nur durch Evolution Materie von Berlin nach Peru fliegen kann.

So fange ich an zu philosophieren: im Buddhismus können wir als Mensch oder Tier wiedergeboren werden. In der Evolution sind die Grenzen zwischen Mensch und Tier fließend. Aber auch die Grenzen zwischen Tieren und Pflanzen sind fließend und auch zwischen organischer und anorganischer Materie. Wenn wir aber die Grenzen weglassen, so gilt unser Respekt und unsere Demut nicht nur gegenüber den Mitmenschen, sondern auch gegenüber Tieren, Pflanzen und Steinen, also gegenüber allem.

San Pedro

Wir haben die Foto-Journalistin Hilary aus Seattle kennengelernt. Sie reist alleine mit kleinem Gepäck und begleitet uns ein paar Tage. Abends hängt sie ihre Hängematte zwischen zwei Bäumen auf und spannt darüber ein Tarp. Sie isst fast nichts. Sie hat den Kaktus San Pedro dabei, der vor allem dann Halluzinationen auslöst, wenn man vorher zwei Tage nichts gegessen hat. Sie beobachtet uns jeden Tag beim kochen, wird schwach, isst etwas und beschließt schließlich die Halluzinationen wieder um einen weiteren Tag zu verschieben. So vergeht Tag um Tag und sie wird dünner und schwächer. Wir werden Morgen weiterreisen und Hilary mit ihrem San Pedro alleine zurück lassen. Wir wissen nicht, wie ihr es jetzt geht. Nach unserer Rückkehr in Berlin antwortet sie nicht auf unsere Emails.

Sabeti Lodge

Auf halben Weg treffen wir auf die Sabeti Lodge, die 2006 gebaut wurde und für gutes Geld eine angenehme Unterkunft anbietet. Als wir aber die Lodge schließlich gefunden haben, finden wir nur eine Ruine vor. Eine leere Bierflasche, ein paar Naturbücher und ein zurück gelassenes Fernglas zeugen von dem ehemaligem Leben. Heute zerfällt alles und der Dschungel nimmt sich mit seiner ganzen Kraft sein Stück Land wieder zurück. Wir beschließen unterhalb der Lodge unser Lager aufzubauen und einen Tag zu bleiben.

Matsiguenkas

Wenn man mit dem Kanu den Strom langsam hinunter treibt und die Stille hört, die nur von Vogelgezwitscher übertönt wird, breitet sich eine intensive innere Ruhe aus. Doch dann sieht man am Ufer auch eine Familie Wäsche waschen und vom weitem hört man Musik, die wir so noch nie gehört haben. Zwei Takte Frauenstimme"Wua Wua Wua", gefolgt von zwei Takten Bass "Duff Duff Duff". Es leben Menschen hier.

Einmal kam ein Kleinbauer zu unserem Lagerplatz und lud uns zu einem Kaffee ein. Er heißt Elbert und bewirtschaftet zusammen mit seiner Frau und einem Kind ein kleines Stück Land, auf dem er Bananen, Kaffee und weitere Früchte anbaut. Mehr Bio geht nicht. Einmal in der Woche kommt ein Zwischenhändler vorbei, der die Waren abkauft und in den Städten weiter verkauft.

Die Menschen haben eine einfache Schulbildung, sind aber im Umgang mit uns sehr angenehm und freundlich, so dass schnell eine menschliche Verbundenheit entsteht. In den Dörfern entlang der Rio Urubamba sprechen die Menschen untereinander Matsiguenka. Sie unterscheiden sich in ihren T-Shirts nicht von den sonstigen Peruanern, allerdings ist die Kontaktaufnahme mit der indigenen Bevölkerung immer sehr schwierig. Die Mimik ist sehr reduziert und die Gespräche sind sehr zäh, wenn überhaupt mal ein Gespräch zustande kommt. Als ich mal einen Seitenfluss stromaufwärts gewandert bin, habe ich eine halbnackte Matsjguenka-Frau getroffen. Allerdings waren wir beide so erschrocken über uns, dass wir uns schnell wieder voneinander abgewendet haben.

Die Kinder wachsen frei und unbekümmert in einer geborgenen Gemeinschaft auf. Ab und zu zeigen die Erwachsenen Grenzen auf, aber relativ emotionslos und ohne weitere Erläuterungen, und die Kinder folgen ohne weitere Machtkämpfe. Allerdings bekommen die Kinder keine Impulse und Anregungen von außen, so dass sie sich intellektuell kaum entwickeln können, zumindest nach unseren Maßstäben. Hinzu kommt die enorme Hitze, die tagsüber nur stark verzögerte Bewegungen zulassen. Sport wie Fußball und Volleyball sind nur abends zwischen 5 und 6 Uhr möglich. Danach ist es dunkel und Licht gibt es wenn überhaupt nur sehr eingeschränkt. Außerdem sind viele Dörfer entlang des Ucayaly auf Stelen gebaut, da in der Regenzeit weite Landstriche unter Wasser stehen und die Häuser dann nur mit dem Einbaum erreicht werden können. So steht auch der Fußballplatz während der Regenzeit für 6 Monate unter Wasser. Gespräche können dann auch so verlaufen: como estas, tranquillo, y tu, si, muy tranquillo.

Ayahuasca

Wer es bis hier geschafft hat alles zu lesen, den will ich zum Abschluss mit einer besonderen Geschichte belohnen: In Iquitos war ich zusammen mit einem jungen Holländer bei einem Schamanen, der uns aus einer halbleeren Flasche einen kleinen Becher Ayahuasca gab. Der Wirkstoff wird aus Lianen extrahiert und enthält DMT, das weitaus stärkere Halluzinationen auslöst als LSD. Die Schamanen verwenden es, um im Rahmen einer Zeremonie mit den Vorfahren in Kontakt zu treten.

Bei mir hat das Zeug voll angeschlagen. Als es nach 20 Minuten in mein Hirn eingeschossen ist, kamen viele bunter Bilder auf mich zu, ich habe Wasserfälle geschwitzt und mein T-Shirt ausgezogen. Ich wollte das Zeug wieder loswerden, was natürlich nicht ging. Der Raum war völlig dunkel und die Zeremonie hatte noch nicht begonnen. Der Schamane hat mich in seinen Garten begleitet und die kühle Luft hat mich wieder zurück geholt. Ich war jetzt wieder in der Lage ein Blatt anzusehen, ohne das sich Form und Farbe geändert haben. Das hat mir Mut gegeben und ich konnte mich auf den positiven Teil konzentrieren. Der Schamane fing mit seiner Zeremonie an, wobei ich meine, dass sich im Text auch ein Ave Maria eingeschlichen hat. Er hat mit Wedeln auf mich eingeschlagen und mit Zigarettenrauch meine bösen Geister ausgetrieben. Nach zweieinhalb Stunden war der Zauber vorbei und der Holländer meinte anschließend, dass wir jetzt Ayahuasca-Brothers wären.

Die Zeremonie kam im besten Moment am Ende der Tour als Höhepunkt von allem. Ich hatte das Gefühl, dass jemand ein Fenster in meinem Kopf aufgestoßen hätte. Nach ein paar Tagen wusste ich auch, dass es keine negative Nachwirkungen gab. Ich weiß nicht, ob die Aktion eine gute Idee war, aber ich möchte diese Erfahrung nicht missen.